Philine Edbauer

Philine Edbauer

Die Drogenprohibition sorgt weltweit für Ausgrenzung, Mord und Kriege. Sie hat dafür gesorgt, dass ein Großteil der Menschheit kaum in der Lage ist, rational an das Thema Drogen heranzugehen und so die gesellschaftliche Ausgrenzung von Millionen Konsumenten illegaler Drogen herbeigeführt.

An dieser Front kämpft Philine für Aufklärung und Akzeptanz.

Als Co – Gründerin der Initiative #mybrainmychoice (mybrainmychoice.de) und der „AG Substanz“ (substanz.info) setzt sich die gebürtige Münchnerin für eine Endstigmatisierung des Drogengebrauchs im Allgemeinen ein und arbeitete bis vor kurzem bei LEAP – Deutschland, wo sie sich um die Organisationsentwicklung kümmerte.

Teilnehmer der letzten Hanfparade konnten Philine sowohl als Co – Moderatorin der Hauptbühne, als auch mit ihrem eigenen Beitrag „Personen die mit Drogen handeln“ in Aktion erleben.

„Nebenbei“ studiert sie an der Berliner Humboldt – Universität „Moderne Süd – und Südostasienstudien“ mit dem Schwerpunkt „Drogenkrieg auf den Philippinen“.

Die 29-jährige Aktivistin gibt Interviews, macht Workshops und organisiert Podiumsgespräche, kurz gesagt: Sie setzt sich ein!

Wir wollten Philine etwas näher kennenlernen und haben mit ihr ein kurzes Interview geführt.

Hanfverband Hamburg: Wie bist du zum ersten Mal mit Cannabis in Berührung gekommen?

Philine: Eine Freundin hat mir Pralinen geschenkt, als ich erfahren wollte, was Cannabis mit mir macht.

Hanfverband Hamburg: Hat sich dein Konsum im Laufe der Jahre verändert?

Philine: Cannabis scheint nicht so gut zu mir zu passen, meine Erfahrungen damit waren immer irgendwie anstrengend für mich. Aber dafür setze ich mich auch ein: Psychoaktive Substanzen selbst für sich entdecken zu können, wenn man möchte – in einem möglichst sicheren Rahmen und ohne dabei kriminell zu handeln.

Hanfverband Hamburg: Hattest du in Bezug auf Cannabis schon Probleme mit dem Gesetz?

Philine: Ich habe ein Problem mit dem Gesetz, wenn ich sehe, dass das Drogennehmen an sich kein Ding wäre, aber das Gesetz Probleme erschafft: Die intransparenten oder gewaltvollen Produktions- und Lieferketten, die ungeschützten Arbeitsverhältnisse, die Unsicherheiten über Zusammensetzung und Dosis und die geringe Bekanntheit von Safer Use Material und Methoden zur Vermeidung von Fehldosierungen und Krankheiten. Zum Beispiel sollte in Clubs geeignetes Snief-Papier ausliegen und Zeitungen sollte verboten werden, ihre Artikel mit Ziehröhrchen aus Geldscheinen zu illustrieren. Die Drogenpolitik schafft nicht nur Probleme durch die Strafverfolgung, sondern produziert auch ein Verständnis von Drogen, das Nutzer:innen und Dealer:innen vernachlässigt und entwertet, anstatt friedlich und kreativ auf das Zusammenleben zu wirken.

Hanfverband Hamburg: Was hat dich dazu bewegt, aktiv zu werden?

Philine: Ich habe in meinen Nächten in München beobachtet und kapiert, wie selbstverständlich der illegale Drogengebrauch ist und dass aber die Drogen nicht unbedingt Probleme schaffen, sondern aber in jedem Fall die Drogenpolitik. Es gibt so unfassbar viele Irrtümer über Drogen und jede:r meint, irgendwelche Meinungen über Drogen haben zu müssen, welche oft die jetzige Drogenpolitik letztendlich verteidigen. Der Krieg gegen die Drogen richtet weltweit seit Jahrzehnten viel Schaden an und wird wie selbstverständlich und immer dagewesen aufrechterhalten. Drogenpolitik ist für mich ein Thema massiver Menschenrechtsverletzungen, das als solches noch nicht den Stellenwert und die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient.

Hanfverband Hamburg: Auf welche Art engagierst du dich für die Legalisierung von Cannabis?

Philine: Ich engagiere mich mit der Initiative #mybrainmychoice für die Legalisierung aller illegalisierter Drogen. #mybrainmychoice habe ich 2017 zusammen mit Julia gestartet. Wir haben uns bei einer Veranstaltung an der Uni kennen gelernt, die „Mehr als Ballern? Sind Partywochenenden schon politischer Aktivismus?“ oder so ähnlich hieß und wir hatten beide Lust, drogenpolitisch was Neues zu starten, weil wir keine passende bestehende Organisation für uns gefunden haben. (Cheers to Stefan für die initiale Unterstützung!) Wir bringen Argumente ein, die den Bogen von Drogenkriegen über Drogenhilfe zu Rassismus im Görlitzer Park schlagen und wir arbeiten daran, die drogenpolitische Bewegung breiter aufzustellen. Wir ziehen Leute an, die ähnlich drogenpolitisch arbeiten möchten wie wir, wir vernetzen Interessierte und woanders Engagierte miteinander, wir kooperieren bundesweit und international mit anderen Organisationen und Aktionen (u.a. #RethinkProcess via Knowmad Institut, Support don’t Punish, Demoreden, Workshops) und wir veranstalten in Berlin Gesprächsrunden zu diversen Themen in der Location eines Friedrichshainer Künstler:innen-Kollektivs.

Hanfverband Hamburg: Wie siehst du die Chancen, dass an der jetzigen Politik bald etwas geändert wird?

Philine: Seit Daniela Ludwig sich vor ein paar Tagen offen über Drug-Checking ausgesprochen hat, und nun das Tabakaußenwerbeverbot bei der CDU/CSU durchgesetzt hat, nehme ich ihr ab, dass sie nicht nur viele Gespräche führen möchte, sondern sich tatsächlich hinter ihre Aufgabe klemmt und Veränderungen fix einfordert. Ihre Offenheit hat ja auch den Organisationen und Twitterern einen Anschub gegeben, unsere Forderungen nochmal zu bekräftigen. Gleichzeitig passiert super viel mitunter dank R2G in Berlin: Drug-Checking, mehr Drogenkonsumräume, mehr Drogenhilfe, mehr Verbreitung von Safer Use-Material, mehr Forschung zur gesellschaftlichen Bedeutung von Drogengebrauch. Ich denke, das steckt weitere Leute an, sich für drogenpolitische Reformen zu engagieren und ich hoffe, das strahlt auf weitere Regionen aus.

Hanfverband Hamburg: Welche Altersgrenze für die Abgabe von Cannabis findest du sinnvoll?

Philine: Ich bin für das konsequente Einhalten einer einheitlichen Grenze, ab der man als erwachsene Person gilt, also 18. Es gibt immer Risiken, die nie komplett vermeidbar sind, sowohl beim Drogengebrauch als auch bei sportlichen Aktivitäten, im Straßenverkehr oder im Job. Die Herausforderung ist, nachfolgenden Generationen und uns untereinander beizubringen, verantwortungsbewusst mit Risiken umzugehen und die besten Rahmenbedingungen zu schaffen. Empfehlungen, Einschätzungen und Daten von Fachleuten sollen für Leute, die sich informieren möchten, leicht verfügbar sein. Genauso wie das Material zur möglichst sicheren Anwendung.

In Sachen Jugendschutz denke ich, dass die Altersgrenze eine sinnvolle Signalwirkung gibt, d.h. dass wir uns als Gesellschaft entscheiden, Kindern und Jugendlichen zu empfehlen, mit dem Drogengebrauch gegebenenfalls abzuwarten. Außerdem glaube ich, dass Lebens- und Risikokompetenzprogramme in Schulen absolut sinnvoll und zu verbreiten sind.

Bei politischen Debatten finde ich es aber problematisch, wenn der Jugendschutz für Argumente instrumentalisiert wird, anstatt sich mal tiefergehend damit zu beschäftigen, was Jugendschutz eigentlich ist und wie schlecht wir insgesamt darin sind. Das betrifft dann andere politische Problemfelder wie Bildung und Armut: Kinder und Jugendliche werden systematisch in ihrem Heranwachsen allein gelassen, anstatt dass ausnahmslos alle finanzielle Stabilität, Unterstützung, kreativen Freiraum und Aufmerksamkeit erfahren.

Um Kindern und Jugendlichen gute Vorbilder zu sein, müssen wir Erwachsenen aber auch mal mehr Plan vom guten Leben bekommen, anstatt zu diskriminieren, stigmatisieren und marginalisieren, den Planeten zu zerstören und Menschen in Not nicht zu helfen – also uns komplett unglaubwürdig zu machen. Ich bin mir allerdings sicher, dass wir Jugendschutz mit etwas mehr Willen für sozialere Politik und mehr öffentliche Investitionen in bestehende Programme ohne viel Aufwand ganz schnell verbessern können.

Hanfverband Hamburg: Ab welchem Alter würdest du das Thema mit deinen Kindern besprechen und wie?

Philine: Der Grundsatz für Erstgespräche mit Jugendlichen und Erwachsenen über Drogen ist: „Es gibt Drogen. Menschen nehmen sie, weil sie meistens Erfahrungen bereiten, die schön sind oder einen Zweck erfüllen. Sie können aber auch nachhaltige Schwierigkeiten bereiten und ich erkläre dir, was du beachten solltest. … Wenn du Fragen hast, ich bin für dich da.“ – Also wie beim Sex. – Und: „Für dein Alter raten Fachleute von der Droge X dringend ab, weil …“ Diese Gespräche sind dann zu führen, wenn sie selbst danach fragen oder wahrscheinlich damit in Berührung kommen oder gekommen sind.

Es muss aber wiederum auch klar werden, dass die Überlegung, gar keine oder bestimmten Drogen nicht nehmen zu wollen, völlig in Ordnung ist. Das gelingt offenbar am wenigsten beim Alkohol. Als Erwachsene:r den eigenen Alkoholgebrauch zu reflektieren und ggf. anzupassen, kann ein guter Anfang sein, um ein besseres Vorbild für Kinder und Jugendliche zu werden, kompetent mit Gesundheitsrisiken und Gruppendynamiken umzugehen.

Hanfverband Hamburg: Wie stellst du dir die Legalisierung vor, bzw. wie wünschst du sie dir?

Wir brauchen sowohl Eigenanbau/-produktion als auch Cannabis Social Clubs sowie den Aufbau von internationalen Produktionsketten, um z.B. Fair Trade Kokain in lizenzierten Fachgeschäften zu haben. Einhergehend muss sich die Drogenpolitik soweit selbst abschaffen, dass nur noch Gesundheitspolitik zur öffentlichen Finanzierung der Drogenhilfe und von Jugendschutzprogrammen sowie die Kontrolle und Verwaltung der lizenzierten Läden überbleibt.

Was wir nicht brauchen, sind Anreize zum Drogennehmen und Anreize, mehr Drogen zu kaufen, als man ursprünglich wollte. Also keine kommerzielle Werbung. Die Drogen an sich sind ja schon reizvoll genug. Wenn uns Leute in unserem Umfeld begeistert von ihren Drogenerfahrungen erzählen, wir in unserem Insta-Feed, von einer Netflix-Serie oder von einem Buch wie Christiane F. inspiriert wurden, finden wir die Drogen eh, ob legal oder illegal.

Wir bedanken uns herzlich für dieses kurze Interview und für dein Engagement auf dem Weg zu einer sinnvollen Drogenpoitik!

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